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Pensionierung

Man sollte aufhören, wenn's am schönsten ist!

Auf Ende Schuljahr 2010/11 wurde an der Kantonsschule Wattwil Niklaus Müller, der dienstälteste Lehrer und Doyen der Bildenden Künste, verabschiedet.

Mit Niklaus Müller geht diesen Sommer wohl die letzte Lehrerpersönlichkeit in Pension, die man noch zu den Lehrern der ersten Stunde zählen kann. Die Kanti Wattwil feierte im vergangenen Schuljahr ihren 40. Geburtstag. 39 Jahre davon hat Niklaus Müller an der Kanti unterrichtet und das künstlerische Profil der Schule geprägt und geschärft. Im März 1972 schrieb der damalige Regierungsrat Willy Herrmann in einem aus heutiger Sicht beneidenswert schlanken Verwaltungsakt an den Rektor der Kanti, Kurt Meyer: „Sehr geehrter Herr Rektor. Fräulein Brönimann, ständige Hilfslehrerin für Zeichnen und Gestalten, will wegen Verheiratung auf Ende dieses Semesters zurücktreten. Der Rücktritt kommt sehr spät, doch werden wir ihn wohl akzeptieren müssen. […] Sie schlagen als Nachfolger Herrn Niklaus Müller vor. Es liegen sehr gute Auskünfte vor. Wir stimmen der Anstellung zu.“

Fahnen- und Paramentenzeichner
Der gelernte Fahnen- und Paramentenzeichner Niklaus Müller kam kurz nach seiner Wahl als Hilfslehrer 1972 ins Toggenburg und wurde nach erfolgtem Studienabschluss an der Kunstgewerbeschule Zürich bereits 1974 zum Hauptlehrer gewählt. Neben dem regulären Unterricht, mit dem er ganze Generationen von jungen Schülerinnen und Schülern begeisterte und künstlerisch prägte, hat er immer wieder bei Kanti-Theateraufführungen, beispielsweise von Bruno Weder oder Jost Kirchgraber, als Bühnenbildner gewirkt. Sein breites Tätigkeitsfeld erstreckte sich vom Sportlager- leiter über den Mentor für junge Lehrpersonen, Klassenlehrer, Praktikumsleiter für Studentinnen und Studenten, Fachgruppenchef bis zu Tätigkeiten in kantonalen Kommissionen. Niklaus Müller lebte das befruchtende Miteinander der kreativ, handwerklich-taktil zu begreifenden Künste und den in den letzten Jahren neu entstandenen Facetten der digitalen Medien seinen Schülerinnen und Schülern perfekt vor. Mit dem komplett am Mac gestalteten Bühnenbild für das Kanti-Musical Grease, das über zwei Beamer auf zwei Leinwände projiziert wurde, setzte er vor gut einem Monat einen phänomenalen künstlerischen Schlussakzent.

„Man sollte aufhören, wenn‘s am schönsten ist. Meine Arbeit bereitet mir zwar nach wie vor grosse Freude […] aber 39 Jahre sind genug“, schreibt Niklaus Müller in seiner Kündigung an die offiziellen Stellen. Vom Kollegium hat er sich in einer ebenso pointierten wie humorvollen Rede vor denSommerferien verabschiedet. In seiner persönlichen „Rückschau“ stellte er mit scharfer Optik allerlei Veränderungen im Kanti-Umfeld fest. „1972, als ich an die Kanti gekommen bin, hat es noch kein Handy gegeben, keinen Computer, ganz zu schweigen von Internet und Wikipedia, auch keine Beamer und keine mp3-Player, ja noch nicht einmal Fotokopierer. Die gesamte Schulleitung inklusive Verwaltung hat aus dem Rektor und seiner Sekretärin bestanden. Die Lehrer sind fast alle mehr oder weniger gleich alt gewesen, und ich der Jüngste von allen. Gewohnt hat man in Wattwil, höchstens noch in Lichtensteig. Ins Lehrerturnen zu gehen, hat geheissen, ein Abenteuer mit ganz erheblichen Risiken einzugehen.“

Für seinen Abschied hat Niklaus Müller der Kanti ein Präsent vermacht, das symbolische Ausstrahlung hat und ausgezeichnet ins Toggenburg passt: Vor der Mensa hat er einen Birnbaum gepflanzt, dessen Früchte die Grundlage eines jeden guten Schlorzi-Fladens sind. „Also tschüss Kanti, und passt von jetzt an auf, ihr Fische in der Thur, ich bin unterwegs.“ Mit dieser Anspielung auf sein künftiges Hobby verabschiedete sich ein Künstler, der bis zuletzt vor kreativer Energie nur so gesprüht hat, aus seinem alten Beruf. Niklaus Müller geht in Pension, in den Ruhestand wohl aber noch länger nicht.

Martin Gauer, Rektor KSW, 12. Juli 2011

Ende einer Ära