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Pensionierungen

Auf Ende Schuljahr 2009/10 wurden an der Kantonsschule Wattwil mit Walter Naef, Tonio Schrama und Marlies Waespe drei der dienstältesten Lehrkräfte verabschiedet und gehen in Pension.

Es ist vermutlich müssig, darüber zu streiten, ob die Gebrüder Wright, die Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Bau ihres Flugapparates begonnen hatten, jemals ihren ersten Flugversuch gemacht hätten, wenn es nicht Vorbilder wie Daedalus und Ikarus gegeben hätte. Vorbilder sind auch in der heutigen Zeit für die Jugend noch genauso wichtig, wie sie das früher schon waren. Vorbilder waren und sind alle drei „Jung-Pensionäre“ der Kanti Wattwil zweifellos, sowohl als Menschen wie auch in ihrer Rolle als Lehrperson, die sie mit grossem Berufsethos für ihr Fach und gegenüber der Schule ausfüllten.

Joner "Pionier-Pflänzli"

Dr. Walter Naef

Der heutige Joner, Dr. Walter Naef, kam 1979 als Nachfolger des im Alpstein tödlich verunglückten Josef Christen an die Kanti Wattwil. Sehr schnell machte er sich im Toggenburg und an der Schule einen ausgezeichneten Namen. In der Wohngemeinde Wattwil wirkte er als sehr engagierter Gemeinderat, wie sich aus dem Charakter Walter Naefs und der stolzen Zahl von Urlaubsgesuchen aus der damaligen Zeit unschwer schliessen lässt. In Bezug auf den Beruf als Biologielehrer der Kanti drängt sich der Vergleich mit dem Botanik-Begriff des „Pionier-Pflänzli“ bei Walter Naef geradezu auf: Er orientierte sich in schulischen Belangen stets an der Spitze, nie am Mittelmass. Er war als treibende Kraft dafür verantwortlich, dass an der Kanti Wattwil bereits 1991 – natürlich im Bio-Zimmer – der erste Beamer installiert wurde und sorgte mit viel Umsicht und Durchsetzungsvermögen dafür, dass die Fachschaftssammlung Biologie über die Jahre stets auf dem aktuellen Stand der Technik geblieben ist. Fordernder und qualitativ hochwertiger Unterricht war Programm, nicht nur auf der Theorie- und Infrastrukturseite sondern speziell auch mit einer bis zum Schluss immer zeitge- mässen und modernen Methodik. Ein Computer-Pionier blieb er über all die Jahre und wusste die Vorzüge des Mac auch weiterhin zu nutzen, als sich der Kanton längst in die PC-Welt verabschiedet hatte.

Walter Naef war bis „in die Nachspielzeit“ – das reguläre Pensionsalter hätte er bereits vor einem Jahr erreicht – ein Vollblutlehrer. Die Qualifikationen der Aufsichtskommissionen gleichen sich im Grundtenor über die Jahre stets: „Walter Naef ist ein hervorragender Lehrer, der temporeichen, faszinierenden Unterricht bietet und trotzdem das Gespür dafür hat, wenn etwas nochmals einer Erklärung bedarf.“ Neben dem ordentlichen Bio-Unterricht hat der ausgesprochen aktive Sportler Naef an der Kanti jahrelang auch Skilager organisiert und geleitet. Das sportlich-dymamische Naturell ist sicherlich mit verantwortlich, dass Walter Naef bis zur Pensionierung nichts von seinem enormen Elan im Unterricht eingebüsst hat. Als Präsident der Kommission für Schulentwicklung hat er sich in den letzten Jahren zunehmend auch mit den grossen Linien der Entwicklung der Kanti Wattwil befasst.


Tonio Schrama

Toggenburger Pianist und Schulmusiker
Der Toggenburger Schulmusiker, Organist und Pianist, Tonio Schrama, wurde vom Erziehungsrat 1973 noch während des letzten Jahres seines Studiums aufgrund der exzellenten Zeugnisse und Leistungen bereits als Hauptlehrer für Gesang und Klavier für das folgende Schuljahr gewählt, der zu erwartende, erfolgreiche Studienabschluss wurde einfach vorausgesetzt. Als Rektor ist man angesichts solch schlanker Verfahren der damaligen Zeit versucht, sich Gedanken zu heutigen Bürokratie zu machen.
Über die 37 Jahre an der Kanti Wattwil zeichnete sich der Unterricht des ausgebildeten Primarlehrers Tonio Schrama durch ein ausgesprochenes Feingefühl und eine grosse didaktische Subtiliät im Umgang mit den Schülerinnen und Schülern aus, sei es im regulären Schulmusikunterricht oder im Einzelunterricht Klavier. Sein sympathisches und verantwortungsbewusstes Wesen prädestinierten ihn geradezu zum Musiklehrer für junge Menschen. Seit Beginn seiner Anstellung hat er selber immer wieder als Musiker an Schulanlässen gespielt und Aufführungen oder Konzerte als Pianist und Chorleiter realisiert. Er gründete den Kammerchor der Kanti und machte mit ihm schon in den 70er Jahren Radio und Plattenaufnahmen. Mit Gion Antoni Derungs vom Lehrersemi Chur nahm er Toggenburger Lieder auf oder bespielte mit Herbert Keller zusammen eine Schallplatte mit Aufnahmens auf „seiner“ geliebten Kuhn-Orgel auf dem Hemberg. Er war Partner diverser Theaterproduktionen der Kanti, etwa zusammen mit Niklaus Müller, Jost Kirchgraber oder Franz Hahn.
Als Schulmusiker hatte sich Tonio Schrama schon sehr früh mit Pop-Musik befasst und bereits Mitte der 80er Jahre systematisch Synthesizer im Musikunterricht eingesetzt. Sein Unterrichtsstil war sehr ganzheitlich mit vielen Bezügen zu den Bildenden Künsten. Sehr pointiert war er im Urteil gegen Kitsch und Unkunst. Erst in den letzten Jahren gesellte sich dazu eine leicht verschmitzte Altersmilde. Schon früh hat er sich von der Schulmusik zum Klavierunterricht verlagert, wo er sich seinen musikalischen Bedürfnissen entsprechend entfalten konnte. Auf der Homepage des bekannten Schweizer Jazzers Ueli Kempter ist beispielsweise nachzulesen, dass Tonio Schrama damals am Lehrerseminar im Klavierunterricht an der Kanti den Grundstein für seine (Kempters) Jazz-Karriere gelegt habe.


Frau der ersten Stunde

Marlies Waespe

Die Kantonsschule Wattwil feierte am 20. April 2010 mit einem Jubiläumskonzert ihren 40. Geburtstag. Als die Kanti im Frühling 1970 die Tore für die ersten Schülerinnen und Schüler öffnete, stand Marlies Waespe bereits als Lehrerin für Akkordeon und Gitarre bereit, sie kehrte damals als Lehrbeauftragte vom Kovservatorium Winterthur zurück ins Toggenburg. Als „letzte Mohikanerin“ der Gründergeneration war sie über lange Jahre so etwas wie „der gute Geist oder die Gute Seele der Näppisuelistrasse“. Sie war stets Ansprechperson bei allen möglichen „Sörgelis“, ob aus Schüler- oder aus Musikerperspektive formuliert.

Marlies Waespe wurde die Musik sozusagen in die Wiege gelegt. Der Vater war ein bekannter Jodelliederkomponist, der Bruder spielt Unterhaltungsmusik und die Mutter unterrichtete Akkordeon. Im Musikhaus Waespe gegenüber der Kanti ist sie gross geworden. Die Präsidentin des Akkordeon-Orchesters Wattwil hat stets an der Kanti wie auch an der Musikschule Toggenburg unterrichtet. Immer wieder ist sie selber als Musikerin aufgetreten, anlässlich der Kanti-Schubertiaden war Marlies Gitarrenspiel stets präsent. Mit ihrem ausserordentlich liebenswürdigen Umgang und einem sehr feinen Gespür ist es ihr über vier Jahrzehnte gelungen, ganze „Schüler-Generationen“ auf den richtigen musikalischen Weg zu bringen und ihnen Freude an der Musik zu vermitteln. Als Vollblut-Musikerin, die es gewohnt ist, vor und vor allem auch für Publikum zu spielen, nahm sie ihren Gitarren-Anfängern gekonnt das Lampenfieber und motivierte sie zu Vorspielauftritten.
Im Dezember 1969 schrieb der Kanti-Gründungsrektor, K. Meyer, an M. Waespe: „Ich kann Ihnen mitteilen, dass auf meinen Antrag hin das Erhiehungsdepartement Sie als Hilfslehrerin für Gitarrenunterricht gewählt hat. Ich gratuliere Ihnen herzlich. Über Lehrauftrag und Honorar werde ich Sie zu gegebener Zeit informieren. Das dürfte im kommenden Februar der Fall sein.“ Mit Ihrer Wahlannahme hat Marlies Waespe damals die Katze im Sack gekauft. Bereut hat Sie diese Wahl bis heute nicht – die Kanti ebensowenig.


8. Juli 2010

Martin Gauer,
Rektor KSW

Hermann Ostendarp